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„Anschläge gegen Überkommenes" (Wilhelm Zimmermann)
Für das, was wir heute Plakat nennen, gab's zu preußischen Zeiten und gibt's noch immer dort, wo nach wie vor preußische Sitten herrschen, das schöne Wort „Anschlag„. Abgeleitet von dem physischen Anschlägen einer Botschaft an die Wand oder die Litfaßsäule, ist den Wortschöpfern die Doppeldeutbarkeit wahrscheinlich nicht aufgefallen. Dabei sind Anschläge auch damals häufig Anschläge gegen Obrigkeiten, gegen Überkommenes, für Veränderung gewesen.
Die berühmtesten Anschläge stammen bereits aus der Zeit der Reformation: Martin Luthers 99 Thesen an der Schloßkirche zu Wittenberg.
Ich mag dieses alte Wort für Plakate gern. Besonders in seiner zweiten Bedeutung. Finde aber auch den Ursprung des Wortes „Plakat„ nicht uninteressant. Es kommt aus dem Französischen (une plaque), übers Niederländische (Placken) und heißt auf Deutsch schlicht „Flecken„. Was ebenfalls eine Menge Assoziationen auslöst. Flecken stören, fallen auf, können aber auch Farbe in ein ansonsten graues Umfeld bringen. Dieser Streifzug in die Etymologie ist natürlich parteiisch oder besser voreingenommen, abhängig von meinem inneren Verhältnis zu Plakaten. Aber unabhängig davon gilt für alle Plakatmacher: Sie wollen Aufmerksamkeit erzeugen, in Wort oder Bild. Sie wollen Betrachter per Umsetzung, Komposition und durch eigenwillige Wortwahl für ihre Botschaften interessieren und gewinnen. Für das politische, aber auch für das werbliche Plakat ist zwar jedes Mittel recht, das Erfolg verspricht. Aber ich bin allerdings der Meinung, daß ganz bestimmte moralische und ästhetische Begriffe eingehalten werden sollten.
Für mich muß Kommunikation Emanzipation sein, die sich auch gegen den totalitären Anspruch der Medialität richtet. Meine Plakate und Titelbilder sind auftragsorientierte Umsetzungen der Themen unserer Zeit. Sie sollen dem Betrachter Erkenntnisse vermitteln. Sie stellen sich in den Dienst einer Botschaft, die den Menschen, sein Leben und sein Überleben im Blick hat. Ich suche eine bildhafte Umsetzung, die zum Kommunikationsträger einer inhaltlichen textlichen Botschaft wird. Es geht um die Botschaft. Das heißt: die grafische Form ist Botschaft, oder sie führt zur Botschaft hin, wobei sie aber nicht so gestaltet sein darf, daß sie unkommunikativ und leserunfreundlich wird. Bei solchen Ergebnissen hat der Gestalter versagt.
Von dieser Regel, daß das Bild die Botschaft begleiten soll, gibt es nur eine Ausnahme, meinen Lieblingsfall sozusagen: Die Bildgestaltung wird zur Botschaft, und auf den Text könnte eigentlich verzichtet werden. Das heißt, ich suche eine bildhafte Umsetzung, die zum Kommunikationsträger einer Botschaft wird, daher bin ich ständig auf der Suche nach bildhaften Umsetzungen textlicher Botschaften, und stets bin ich bemüht, das Bild selbst zur Botschaft zu machen. Das gelingt um so besser, je mehr ich mit dem Wort im Team zusammenar-beite. Ich kann nur gut arbeiten, wenn ich mich permanent mit dem Text auseinandersetze. Es ist jedem Gestalter zu empfehlen, Texte intensiv zu lesen, selbst zu schreiben, Headlines zu formulieren, auf jeden Fall aber am Diskussionsprozeß über den Text teilzunehmen. Das hebt die Chancen, am Ende eine bildhafte Umsetzung hinzukriegen, die ohne jedes Wort auskommt.
Die Bilder, die ich schaffe, sind meistens Fotos, inszenierte Fotos, Fotos deshalb, weil sie als Inbegriff der Abbildung von Realität einen schnellen Zugang zum Betrachter finden. Inszenierung deshalb, um den Glaubwürdigkeitsbonus des Fotos für den Transport von Botschaften zu nutzen, die mir wichtig sind. Bei der Inszenierung bediene ich mich der Übersteigerung und Verfremdung. Denn bei Themen wie zum Beispiel Krieg, Frieden, Umwelt, soziale Spannungen, Hunger, Menschenrechte kann ich die Haut der Menschen nicht streicheln, ich muß sie kratzen. Im Interesse eines schäferen Realiismus oder der Erhellung von Hintergründen, die nicht sichtbar und damit auch nicht ablichtbar sind. Inszenierte Fotos ermöglichen die Visualisierung von Visionen. Wir brauchen die Übersteigerung, nicht in jedem Fall eine surreale Form, aber eine, die ins Auge springt, bei der das Bild eine kleine Geschichte in sich hat. Manchmal bediene ich mich auch der Montage von Dokumentarfotos und bin deshalb hin und wieder – zu meiner größten Freude – in eine Linie mit John Heartfield gestellt worden. Vielleicht ist der Gedanke, der unserer Arbeit zugrundeliegt, tatsächlich irgendwie ähnlich.
Richtig ist, daß wir aufgrund der heutigen Situation, nämlich der Überflutung der Menschen mit Bildern, zu ungewöhnlichen Bildern kommen müssen, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erregen.
Diese Feststellung gilt gleichermaßen für Titelbilder von Zeitschriften, für das gesellschaftspolitische Plakat und für die Werbung. Für die Werbung allerdings mit der Einschränkung, daß sie wenig Raum bietet für Provokationen. Aber Plakate und Anzeigen in der Werbung müssen auch nicht immer nur heile Welt vorgaukeln, wie das in Deutschland noch die Regel ist, anders als etwa in England oder den Niederlanden. Dort nehmen Designer spaßig und listig auch Mißstände aufs Korn, weil sie in Agenturen nicht nur der verlängerte Bleistift von Kontaktern oder Textern sind. Was in den meisten deutschen Agenturen fehlt, ist die Arbeit und Auseinandersetzung im Team, zwischen Wort und Bild. Was in deutschen Agenturen dominiert, ist die Flucht ins Formale. Das Ergebnis ist täglich zu sehen: Kaum Werbung, die sowohl kreativ als auch unterhaltsam und informativ ist. Die von mir gestalteten Publikationen, wenden sich an ein breites Publikum, das wenig liest. Aber dieses Wissen bedeutet für mich, daß wir unsere Botschaften so formulieren und gestalten müssen, daß sie unsere Zielgruppe erreichen. Deshalb gehören zu dem zweifellos wichtigen Textbeitrag und der pointierten Headline das Design und die Bilder, die die Texte lesbarer und eindrucksvoller machen sollen.
Die von mir geschätzten Surrealisten bezeichneten manche ihrer Bildkompositionen als magisch, mein Ziel ist es, eine Botschaft so zu gestalten, daß sie im Idealfall ohne Wort „rüberkommt„, daher habe ich auch im Katalog wie in der Ausstellung viele Bilder und einige Plakate vom Text befreit, um der Bildsprache die primäre Kommunikationsaufgabe zu geben, der Text steht dann für die „Eiligen„ neben dem Bild.
Teamwork ist also gefragt, wobei ich nun allen die mich in den 38 Jahren als Arbeitgeber, Redakteure, Fotografen, Fotomodelle, Grafik-Designer, Texter und Kollegen der Union Druckerei tatkräftig unterstützt und freundschaftlich begleitet haben, herzlichen Dank sage. Ganz besonders möchte ich dabei meinen Neffen und Partner Jörg Zimmermann erwähnen. Den Autoren dieses Buches gilt am Ende das letzte Wort. Herzlichen Dank.



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